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18.06.2020

Arbeiten als hochsensibler Mensch

Gesundheit

„Du bist immer so empfindlich!“, „Du überreagierst.“ Solche Kommentare kommen dir bekannt vor? Dann kann es gut sein, dass du eine hochsensible Person bist, im Englischen auch Highly Sensitive Person (kurz: HSP) genannt. Hochsensibilität lässt dich ein wenig anders ticken als andere und macht dich empfindsamer, sodass du im Privatleben und bei der Arbeit vielleicht mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hast. Wir zeigen dir, woran genau du erkennen kannst, ob du hochsensibel bist und welche Möglichkeiten es gibt, mit Hochsensibilität im Beruf besser umzugehen.

Was ist Hochsensibilität?

Schätzungen gehen davon aus, dass Hochsensible rund 15 - 20 % der Bevölkerung ausmachen, also gar nicht mal so wenig. Nicht immer wissen die Betroffenen, dass sie zu der Gruppe gehören, stellen aber entsprechende Verhaltensweisen bei sich fest oder merken, dass sie „anders“ sind.

Bei Hochsensiblen werden alle Eindrücke im Gehirn viel stärker wahrgenommen. Ihr Filter von äußeren Reizen funktioniert nicht so gut wie bei anderen Menschen, sie können weniger ausblenden. Deswegen reagieren sie auf Reize sehr stark und werden dadurch stärker beeinträchtigt. Hochsensible werden durch die zahlreichen Stimuli in Umwelt und Alltag konsequent überfordert und überwältigt. Menschenmassen werden so zum Albtraum, laute Konzerte überreizen das Sinnesorgan Ohr, der Gang durch die Parfümerie wird zum Spießrutenlauf. Auch Emotionen werden von HSP stärker durchlebt.

Anzeichen für Hochsensibilität

Um herauszufinden, ob du betroffen bist, kannst du unter http://www.hochsensibel-test.de [externer Link] einen Test auf Hochsensibilität machen. Folgende Erkennungsmerkmale können außerdem auf Hochsensibilität hindeuten:

  • du wirst als überempfindlich, schüchtern oder introvertiert bezeichnet
  • du brauchst viel Zeit für dich allein, um wieder deine Akkus aufzuladen
  • du verbringst gerne Zeit alleine
  • du reagierst sehr empfindlich auf laute und andauernde Geräusche
  • Menschen, die ununterbrochen reden oder Menschen, die „schwierig“ sind, rauben dir jede Energie
  • du hast eine niedrige Toleranzschwelle für kratzige Kleidung
  • du triffst dich lieber mit Einzelpersonen oder in kleinen Gruppen, Menschenmengen stressen dich
  • du bist harmoniebedürftig, weil du die emotionale Anspannung bei Konflikten weniger erträgst als andere
  • helle Lichter und/oder starke Gerüche irritieren dich übers Maß
  • du bist schnell emotional ausgelaugt
  • du nimmst sofort die Stimmung anderer Menschen wahr, weil du ein starkes Gespür für Körpersprache, Gestik, Mimik und Intonation hast
  • du bist sehr schreckhaft

Nicht jeder Punkt muss auf dich zutreffen. Manche Hochsensible kommen gut in Menschenmengen zurecht, können aber mit Lärmbelästigung ganz schlecht umgehen oder umgekehrt. Gleichzeitig können auch Personen, die nicht zu den HSP gehören, einige dieser Merkmale aufweisen, dann häufig in abgeschwächter Form. Auch introvertierte Menschen haben oft Überschneidungspunkte mit den Eigenschaften von Hochsensiblen.

Hochsensibel sein: Fluch und Segen zugleich

Die gute Nachricht: Hochsensible können lernen, mit ihrer Besonderheit umzugehen und die meisten haben sich im Laufe ihres Lebens entsprechende Strategien bereits selbst angeeignet. Hochsensibilität ist also kein Krankheitsbild, das behandelt werden muss. Wichtig ist nur zu wissen, ob du hochsensibel bist und wie du darauf reagieren kannst.

Hochsensibilität bringt auch Vorteile mit sich:

  • du bist genügsam, erfreust dich an den kleinen Dingen im Leben und kannst diese in vollen Zügen genießen
  • du hast emotionalen Reichtum, kleine Gesten und feine Details im Alltag schätzt du besonders
  • du hast ein intuitives Gespür für Stimmungen von Leuten und merkst sofort, wenn etwas nicht stimmt, diese Menschenkenntnis ist auch im Beruf Gold wert
  • du bist ein guter Beobachter und bist dank Feingefühl, Empfindsamkeit und deinem Sinn fürs Detail prädestiniert für kreative Berufe
  • du bist ein guter Beobachter und Zuhörer, empathisch stark, taktvoll in der Kommunikation und nimmst Rücksicht - alles Soft Skills, mit denen du besonders in sozialen Berufen punkten kannst

Hochsensibel im Beruf: so gehst du damit um

Hochsensible Personen müssen lernen, sich von den zahlreichen Stimuli abzugrenzen. Da jeder Hochsensible anders gestrickt ist, kann es gut sein, dass manche Tipps besser, manche schlechter funktionieren. Am besten einfach ausprobieren und mit den Erfahrungen lernen:

  • achte auf eine ausgewogene Ernährung, um Stimmungsschwankungen durch Hunger zu vermeiden
  • nachts verarbeitet dein Gehirn die am Tag erlebten Eindrücke - sei also immer gut ausgeschlafen, um deine Konzentrationsfähigkeit besser zu erhalten
  • entwickle Verständnis dafür, dass andere Menschen die von dir als zu viel empfundenen Situationen genießen können. Jeder ist anders!
  • vermeide morgens Hektik
  • wo es geht, versuche antizyklisch unterwegs zu sein: Kannst du Gleitzeit nutzen? Dann fahre nicht in den Stoßzeiten zur Arbeit. Gehe einkaufen, wenn es im Supermarkt ruhiger ist (früh morgens oder spät abends).
  • benutze Kopfhörer, am besten mit Rauschunterdrückung, um störende Nebengeräusche zu minimieren (z. B. bei der Arbeit, in Bussen und Bahnen, an lauten öffentlichen Orten)
  • wechsle an einen ruhigeren Arbeitsplatz und achte auf die passende Bürobeleuchtung, um grelles Licht zu vermeiden
  • umgebe dich mit schönen und ruhigen Elementen (nicht nur im Büro, sondern auch in deinen eigenen vier Wänden), ein aufgeräumter Arbeitsplatz, wo das Auge sich nicht an tausend Klebezetteln und unsortierten Dokumenten aufhalten muss, wirkt Wunder
  • nimm dir nach einem langen Tag eine Auszeit an einem Ort, an dem du dich zurückziehen kannst und wieder auftanken kannst

Hochsensible Kollegen im Job

Auch wenn du selbst nicht hochsensibel bist, kann es gut sein, dass du im Arbeitsumfeld mit Kollegen und Kolleginnen zu tun hast, die mit ihrer Reizüberflutung im Job Schwierigkeiten haben. Der erste Impuls ist dann oft, Hochsensible dabei unterstützen zu wollen, ihre Sensibilität zu überwinden. Damit wird leider das Gegenteil erreicht und dein Gegenüber fühlt sich nur stärker unter Druck setzen, ein gewünschtes Verhalten an den Tag zu legen, das ihm aber gar nicht liegt.

Viel gewinnbringender für beide Seiten ist es, an einem Strang zu ziehen. Macht euch die Fähigkeiten der HSP in eurer Firma zu Nutze. In der Regel sind sie als sehr empathische Kommunikationsprofis, gewissenhafte, strukturierte und vorausschauend planende Menschen bekannt und bereichern jedes Unternehmen. Am besten geht ihr gemeinsam daran, die Arbeitsbedingungen zu verbessern:

  • ein Gespräch bringt Erkenntnisse über Störfaktoren, die anschließend beseitigt werden sollten (Lärmquellen? Beleuchtung? Temperatur?)
  • ein ruhiger Platz zum Arbeiten ist wichtig - Großraumbüros sind nicht nur deshalb ein No-Go für Hochsensible
  • HSP zählen oft gleichzeitig zu den Introvertierten, sie arbeiten am besten allein - schafft die Freiräume dafür
  • prüft die Möglichkeit für Arbeit im Homeoffice
  • ermuntere hochsensible Kollegen dazu, regelmäßig Pausen zu machen, besonders nach längeren Meetings oder Gruppenarbeiten mit vielen Leuten
  • reduziere kurzfristige Planänderungen im Arbeitsalltag

Für viele dieser Punkte gilt natürlich auch: Nicht nur Hochsensible sind dankbar, wenn Störquellen beseitigt werden oder Meetings auf eine effiziente Zeitdauer begrenzt werden. Genauso wie auf eine HSP eingegangen wird, sollten auch die Wünsche anderer Kollegen berücksichtigt werden. So fühlt sich niemand zurückgesetzt und es entsteht nicht der Eindruck, dass Hochsensible bevorzugt werden. Am besten ist es, jeden im Team zu fragen, welche Ideen es gibt, wie man gemeinsam die Arbeitsatmosphäre und den Arbeitsplatz angenehmer gestalten kann.

 

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Bildmaterial © Natalia  – stock.adobe.com


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